Immer wieder bringt der Abend Überraschungen. So auch gestern. Mein Bruder, Enlir, sandte mir einen der Männer, die unter ihm gedient haben. Man hat den Mann, auf Enlirs Anraten hin, inzwischen zum Freiherrn ernannt. Und nun ist er hier. Was ich von ihm halten soll, das weiß ich noch nicht. Jedoch traue ich ihm, da mein Bruder es tat. Vorläufig wird er als Leutnant Giselhers dienen.
Und Giselher selbst? Wird wieder Hauptmann werden. Hauptmann werden müssen, auch wenn ich den Eindruck habe, es scheint ihm zu widerstreben. Anscheinend versteht er nicht, welche Ehren das bedeutet. Und mit einem fähigen Leutnant an seiner Seite wird es wohl kaum eine Mehrbelastung für ihn darstellen. Ich traue es ihm glatt zu, dass er, hätte er gekonnt, diese Position verweigert hätte.
Der Mann hat nicht den Hauch einer Ahnung, nicht die leiseste Vermutung was genau seine Position darstellt. Ja, er wird Hauptmann sein. Darüber hinaus ist er mein Bruder. Und mehr als das. Meine Brüder sind eben genau das: blutsverwandt. Und dafür schätze und liebe ich sie. Doch sind wir, unterschiedlich wie wir sind, stets getrennt. So wie ich auch meine Mutter kaum zu Gesicht bekomme. Und auch Vater nur selten sah. Zwar herrscht in dieser Familie Liebe. Aber auch sehr große Distanziertheit.
Die einzige Ausnahme hierzu bildet Sybell. Sieht man vom Schlachtfeld selbst ab ist sie immer hier. Sie ist der einzige Grund, der mich wünschen lässt aus einer Schlacht zurückzukehren. Der mich soetwas wie Heimweh empfinden lässt. Sie ist der Grund dafür, dass Frieden etwas Gutes ist, egal wie sehr ich den Kampf vermissen mag, während ich hier untätig stehe oder sitze und nur irgendwelche Briefe schreiben oder Berichte lesen kann. Sie ist Leben.
Aber Freundschaft – Freundschaft, nicht die Kameradschaft des Feldes – die ist schwer zu finden, für einen Winthallan. Habe ich bisher einen Freund gehabt? Nein, selbst Ciro würde ich so nicht bezeichnen. Ein Vertrauter vielleicht. Ein Gefährte. Aber ein Freund ist etwas anderes. Der einzige Mann, der diesem Begriff also nahe steht, bemerkt es nicht. Und versteht es ebenso wenig.
Vater pflegte zu sagen “Die Pflicht steht über allem.” Und was er zu meinen schien war “Keine Freundschaft kann sie tragen.” Wenn er damit Recht hatte, starb er als äußerst einsamer Mann, sieht man von seiner direkten Familie ab. Und stimmt auch das, dann ist sein ganzes Geschlecht, durch unsere Worte, dazu ebenfalls verdammt.
Wenn auch das stimmt, dann vergehen Sybell und ich uns gerade an einem Menschen, der sich nicht wehren kann…
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