Von Löwen und Lämmern

Noch in der gleichen Nacht hatte Martin Finn lange wach im Bett gelegen. Warum wußte er nicht. Ihn hatte nicht wirklich überrascht, was er gesehen hatte. Aber berührt hatte es ihn. Beunruhigt auf einer Ebene, die dennoch keine Angst einflöste. Es ergab keinen Sinn. Weder für Martin, noch für Xyviel. Erst nach Stunden gelang es ihm endlich die Augen zu schließen…

Das schwarzgoldfarbene Fell war samtig und seidig zwischen seinen Fingern. So wie die Menschen später sagen würden, ein Stoff sei so sanft wie die Sünde selbst, so mußten sie etwas wie das berührt haben, um eine Ahnung davon zu haben, was genau das bedeuten konnte. Ein Reiz auf der Haut, der so subtil, zeitgleich so intim war, daß diese Berührung an sich, gleich aus welcher Absicht heraus, den Rest der Welt verschwimmen und verschwinden ließ.

Es war also entschieden. Das Opfer, welches gebracht werden mußte, stand fest. Nur eines, ein letztes war Xyviel nicht bereit zu geben. Und würde sich fortan fragen, ob das nicht doch hätte alles ändern können. Eine kleine Veränderung, die den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachte. Vielleicht sogar zwischen Hochmut und Barmherzigkeit. War er nicht gnädig gewesen als er Ahaukyin fortgeschickt hatte, weit weg zu einer Aufgabe, deren Erledigung weit weniger erfolglos zu sein schien als das, was ihn hier erwartet hätte? Oder war er eigensüchtig gewesen darin ihn nicht diese Entscheidung treffen zu lassen?

Ich liebe dich.

“Es sieht nicht gut aus, wahrlich. Wenn die Verstärkung nicht bald eintrifft, dann…” Ein Blick schnitt den Rest des Satzes ab. Der Andere wandt den Kopf wieder nach vorne, sein ganzes Sein dabei neuerlich aufflammend, umgeben von allgegenwärtigem Feuer. “Sie werden kommen.”, kommentierte er. Seine Stimme klang sicherer als der Zweifel, den er eigentlich hegte. Würden sie?

Und dann brachen sie in Scharen über den Feind herein, ließen nichts zurück außer der Gewißheit des Sieges, erkauft durch die Glorie, die strahlende Pracht die nur Wesen wie sie es waren auf dieser Erde ermöglicht hatten. In ihm stieg ein Gefühl von seltsam empfundenem Wert auf. Mehr als das. Stolz.

Und aus dem Augenwinkel sah er schwarzgoldenes Fell Licht gleichsam verschlucken wie auch in voller Pracht glänzen lassend. Und für einen kurzen Moment nur stand alles Feuer still.

Xyviel…

“Ich bitte dich, sei geduldig…” “Geduld spricht von Zeit, die wir nicht haben!”

Nie hätte ich dich vergessen können…

Kein Wort hatte es je vermocht ihm wirklich tiefempfundene Ruhe zu vermitteln. Nicht die Worte des Morgensterns. Nicht die Worte des Allmächtigen. Auch nicht Seine Worte. Aber seine Hand… Seine Hand konnte ihn halten… Und für einen Moment Ruhe erahnen lassen.

Warte auf mich… Xyviel…

Völlige Dunkelheit. Kein Schwarz. Kein Gold. Nur Abwesenheit. Und Xyviel erinnerte sich flammend an die Ewigkeit. Allein.

Bookmark the permalink. Follow any comments here with the RSS feed for this post.
Trackbacks are closed, but you can post a comment.

Leave a Reply