Auch am Morgen lag Martin lange wach, ehe er sich auch nur dazu überreden wollte aufzustehen. Er starrte geistesabwesend die Decke an. Weiß. Alles nur weiß. Nach wie vor keine Antworten. Nur das tiefe Bewußtsein etwas wissen zu sollen, es aber nicht zu tun.
Xyviel… Er schreckte auf. Aus Instinkt weit mehr als aus Notwendigkeit heraus griff er nach seinem Handy auf dem Nachttisch. “Hey, Kleines.”, murmelte er leise in den Empfänger, obwohl er nie ein Gespräch angenommen hatte. “Alles ok?” Sein Lächeln war müde und abgekämpft – aber aufrichtig.
Wenn er ehrlich war gab es diese Ehe schon seit Monaten nicht mehr wirklich. Vielleicht sogar seit Jahren. Aber nun da seine Frau Jessica in seinem Appartment vorbei gekommen war – nicht mehr das kleine beschauliche Haus, das sie zusammen bewohnt hatten; dort war kein Platz mehr für ihn, hatte sie ihm gesagt – lagen zwei Dokumente vor ihm auf dem Tisch: Zum einen die gerichtliche Beschluß über Sandras zukünftigen Verbleib. Man hatte ihrer Mutter bis auf weiteres das Sorgerecht zugesprochen. Ihm blieb also der Umgang. Aber was war das schon, im Vergleich? Das zweite Schreiben waren nichts geringeres als die Scheidungsunterlagen.
Beide Papiere schnitten tief. Tiefer als er zugeben wollte. Und das an sich war schwer genug, denn tief gab er gern zu. Er würde Sandra also nur noch an Wochenenden sehen. Alle zwei Wochen, wenn er Glück hatte. Seiner Einschätzung nach wesentlich weniger. Jessica würde es nicht zulassen.
Und natürlich gab sie ihm die Schuld. Die alleinige Schuld. Auch das hatte sich nie wirklich geändert. Außer dem Urknall persönlich gab es wenig, woran Martin nicht direkt oder indirekt mitschuldig war. In diesem Fall war es aber anders. Jemand hatte für seine Frau spioniert. Und so hatte dieser jemand von einer Kundin aus Europa erfahren…
Eine Kunden, die Martin immer leicht vergessen konnte, wenn er nicht bei ihr war. Aber immer wenn er sie sah war es, als würde er sich einfach so völlig neu in eine fremde Frau verlieben. Es war ihm ein Rätsel wie der Privatdetektiv herausgefunden hatte wie es um ihn stand. Er hatte nie über seine Gefühlslage gesprochen. Mit absolut niemandem. Nichteinmal Miss Märbaum selbst. Gelächelt hatte er, artig genickt und schlicht sein absolut Bestes für sie getan. Zumindest was ihre Konten und Buchhaltung anging. Und in diesen wenigen Augenblicken in denen sie ihn voller Lebensfreude, Zuversicht und allgemeiner Schalkhaftigkeit anlächelte – in diesen wenigen Augenblicken hatte er wieder soetwas wie Glück empfunden. Diese seltene Art Glück wie er sie sonst nur empfand, wenn sich Sandra freute, weil er ihr etwas aus Europa mitbrachte oder sie zusammen etwas unternahmen.
Mit dieser Distanz war er immer glücklich gewesen, auch wenn er sich stets insgeheim mehr gewünscht hätte. Dennoch war sie außerhalb seiner Reichweite. Und er wußte genau sie vergaß ihn jedesmal, sobald sich die Tür hinter ihm schloß. Aber vielleicht… vielleicht nur würde sie nicht hinter seinem Rücken seinen Namen verfluchen. Vielleicht würde sie manchmal sogar bemerken, daß er, Martin Finn, sich ihretwegen Mühe gegeben hatte. Und daß diese Mühe für etwas gut gewesen war. Selbst wenn es nur die schäbigen Zinsen auf einem schweizer Nummernkonto waren.
“Ich bin bald zurück, Kleines. Wir gehen dann zusammen zu Sebastiano’s… Ich weiß doch, daß es dir da gefällt.” Finn legte das Handy beiseite. Sein Lächeln verflog ebenso schnell wie es gekommen war.
![Syndicate this site using RSS [x]](https://fatebook.eternalevil.com/wp-content/themes/mad-meg/images/rss.png)