Was ist in einem Namen

Den ganzen Rest der Nacht hatte Martin Finn nicht ein Auge zugetan. Beständig nagte dieses Gefühl an ihm. Etwas vergessen. Etwas sehr wichtiges. Und egal was er anstellte, es kam nicht zurück. Als er Felicitas geküßt hatte, da hatte er fast geglaubt dieses Vergessene greifen zu können. Aber es rann zwischen seinen Fingern hindurch, noch ehe er sich dieser Tatsache völlig bewußt gewesen war.

Also hatte er gewartet. Die ganze Nacht nur gewartet und vorgegeben hoch interessiert sein Handy anzustarren, während Felicitas einen Sessel weiter ziemlich unbequem ihrer Musik lauschte. Immerhin hatte er dank ihr etwas, worüber er nachdenken konnte. Warum hatte sie gebissen? Immerhin verstand er nun warum sich die Menschen nicht dagegen wehrten. Auch er hatte gespürt was es mit ihm anstellte. Sicher, er hätte sich wehren können, hätte diese Euphorie abstreifen können. Aber wofür? Warum hätte er das tun sollen? Nur… Warum war sie dann zurückgeschreckt? Vielleicht hatte sie Angst er würde sich gefährdet fühlen, würde sich dann wehren und ihr wieder einen Blick auf die Flammen geben.

Und dann, als er Jacob wieder im Zimmer allein gelassen hatte, schlichen sich Stück für Stück alte Gedanken zurück in Xyviels Bewußtsein. Längst vergessen.

Das Wasser war so rein und ruhig, daß es jedem Umstehenden ein leichtes gewesen wäre die einzigen zwei Wesen am Ufer aus ihren Reflektionen heraus zu erkennen. Goldschwarzes Fell neben einem Wesen, vor dem sich jedes Feuer in Demut zu verneigen wußte. Die Haut ein lebendiges, mit jeder Bewegung aufflammendes Gelborange, die Augen warm lodernd. Der Inbegriff von tröstender, willkommenheißender Wärme, nicht verbrennender Hitze. Reines Licht in dessen Gegenwart schlicht keine Angst möglich war. Uneingeschränkte, traumhafte Schönheit.

Uneingeschränkte, traumhafte Eintracht. Auch wenn alle wußten, was der nächste Morgen bringen würde. Für den Moment war alles wieder die alte, ursprüngliche Perfektion. Alles, wie es sein sollte.

Es ist geschehen, wie du es wünschtest, Xyviel. Verdammt. Zu früh! Viel zu früh! Eine Klaue raste haarscharf an Xyviels Kopf vorbei. Er vergolt es mit Flammen gegen seinen Angreifer. “Ahaukyin, nimm nicht den direkten Weg hierher. Viel zu leicht könnten sie dir folgen. Viel zu schnell. Finde verschlungene Pfade, hörst du?” Nur ein wenig mehr Zeit. Ein wenig mehr und sein Geliebter würde zu spät hier eintreffen. Alles wäre vorbei. Er würde nur noch Spuren sehen. Spuren, ja. Aber nicht mehr Teil der Schlacht sein können. Und damit nicht mit ihnen, den letzten, verlieren. Ich spüre die Gefahr in deiner Nähe, Xyviel. Laß mich zu dir… Die Gefahr? Die Gefahr, gut. Nicht das Unausweichliche. Er hatte es verbergen können. “Du hast mich noch nie verlieren sehen. Ich habe nicht vor jetzt damit anzufangen.” Tatsächlich hatte er das auch nicht. Er hatte es nie vor gehabt. Es war ihm befohlen worden. Zweifelsfrei lag darin ein Unterschied. Zweifelsfrei war es richtig zu retten, was man retten konnte.

Zweifelsfrei hatte er Jacob, Ahaukyin, seinen Geliebten belogen. Er erinnerte sich. Und alles, was damals war nicht mehr zu haben schmerzte wesentlich weiter, als er es für möglich gehalten hätte. Aber er hatte ihn gesehen, so wie er jetzt war. Zwar mochte sich der Rabisu einreden er würde ihn nach wie vor lieben. Xyviel jedoch wußte, daß er völlig allein war. Es war sicherlich gnädiger den Rabisu glauben zu lassen er sei es ebenfalls – anstatt die Klinge weiter in sein Herz zu treiben dadurch, daß das, was er liebte es nicht mit zurück aus dem Abyss geschafft hatte.

Zeit nochmal zu duschen. Der Gestank nach Rauch stach immernoch in Martins Nase.

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