Zweiter Anlauf

Vor drei Wochen. Vor drei Wochen, nachdem Jessica mit Sandra ausgezogen war, hatte Martin schoneinmal versucht sich mit Jessica auszusprechen, sie zurückzuholen. Ohne Erfolg.

Nun also, drei Wochen später, stand er vor dem kleinen Haus das sie für sich und ihrer beider Tochter angemietet hatte – auf seine Kosten, natürlich. Immerhin war er ja Vater des Kindes.

Jessica hatte das erste Klingen ignoriert. Das zweite und dritte ebenfalls. Aber Martin wußte genau, daß sie hier war. Sandra wiederum war wohl noch in der Schule. Allerdings wußte Martin ebenfalls, daß Jessica ihre Haustüre nur sehr selten abschloß. Nachdem vier und fünf also ebenso ohne Reaktion ausfielen, öffnete er schlicht die Tür, trat in das kleine, sauber aufgeräumte Haus und ging ins Wohnzimmer.

Er hatte Recht damit gehabt sie dort zu vermuten. Das Bild vor ihm rang ihm ein kurzes, zerbrechliches Lächeln ab: Jessica saß auf der Couch, starrte den Fernseher an. Ohne hinzusehen wußte er, was sie sich ansah. DVD – wie immer. Neben ihr auf dem Sofa stand eine Schüssel mit zu Stäbchen geschnittenen Karotten. Dabei eine kleine Schale Sour Cream. Sie knabberte gedankenverloren an einer der Karotten herum. Ihm war klar, daß sie ihn in diesem Zustand schlicht nicht gehört hatte.

Lange hatte er sich das einfach angesehen. Dann gesprochen, leise als könne er mit Worten bereits die Szene zerbrechen angesetzt. “Jessica, ich -”

“Verschwinde, Martin.”

Langsam, sehr langsam schlich sich in Martins Verstand die Gewißheit, daß sie ihn sehr wohl gehört hatte. Sie hatte ihn schlicht nur nicht gewollt. Ihm wurde klar, daß sie das nie hatte.

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