The Meaning of Life

Tief in Gedanken saß Nathaniel auf seiner Couch in dem kürzlich wiederhergestellten Wohnzimmer und starrte auf die Kristallfigur in seiner Hand. An einer Spitze hätte man sich gut stechen können. Er berührte die Stelle vorsichtig mit dem Daumen und lächelte.

“Sir, there has been a package for you.” Mit diesen Worten übergab Gregory seinem Herrn die Postsendung, die heute im Laufe des Tages eingegangen war. Darin befand sich ein Lederetui, das seltsam vertraut wirkte. Nathaniel öffnete es mit der gebotenen Neugier und sah fasziniert hinein.
In dem kunstvoll geschliffenen Glas fing sich das Licht und brach sich in Myriaden kleiner Regenbögen, die auf das Auge zurückgeworfen wurden. Nathaniel nahm es vorsichtig aus der Hülle und hielt es gegen das Licht. “She’s lovely…”, murmelte er vor sich hin, obwohl Gregory den Raum längst verlassen hatte und Dee überhaupt nicht hier war.
Nach einer Weile des stummen Starrens wandte er den Kopf zur Seite. Der Blick fiel auf das iPhone, welches ungenutzt neben ihm auf dem Sofa lag. Nein. Er würde nicht noch einmal stören. Das wäre undienlich.
“Just…” Er seufzte.

***

Der Wohnwagen hatte längst bessere Zeiten gesehen. Aber das musste schon viele Jahre her sein. Wahrscheinlicher sogar Jahrzehnte. Für Nathaniel roch es irgendwie seltsam vertraut modrig. Eine Art von Geruch, wie man sie in einem alten Zuhause erwartete. Nur war er hier nie Zuhause gewesen. Und der Wohnwagen gehörte ihm auch gar nicht.
Er saß halb auf dem Tisch und hielt ein Etui in Händen. Die Hände wiederum waren in Handschuhen, die ihm sein Gönner in die Hand gedrückt hatte. In dem kleinen Etui befand sich eine grob geschliffene Rose aus Kristall. So scharf behandelt, dass man sich an ihren Kanten leicht hätte schneiden können.
Eine Weile konnte er einfach nur starren. Starren, ohne die Faszination seines Clans. Starren mit der Faszination eines Kindes.

***

Sein Besuch war schon seit Stunden weg. Nur die weiche plüschige Decke lag noch auf der Couch. Gepardendruck. Sie war unglaublich flauschig, wenn man sie mit den Fingern berührte. Von so einem Fell konnten die meisten Tiere nur träumen. Nathaniel erinnerte die Textur an einen Maulwurf. Unwillkürlich schossen ihm Gedanken durch den Kopf: Maulwürfe. Der Feind des Regenwurms. Bisher für weitgehend blind gehalten. Und – das interessanteste, wie er fand – eines der wenigen Tiere, die keinen “Strich” hatten. Das Haar wuchs nicht in eine bestimmte Richtung. Egal in welche Richtung man das Fell streichelte, es stellte sich nie entgegen und war für das Tier so nicht unangenehm. Angenommen so ein Tier ließ sich anfassen. Er selbst hatte bisher nur die ausgestopfte Variante betasten können.
Lächelnd ging er auf das Sofa zu. Er war gekommen. Es hatte keine halbe Stunde gedauert und er war einfach hier gewesen, ohne zu fragen. Einfach nur, weil er das Gefühl hatte, es wäre nach der Nachricht nötig gewesen. Zum ersten Mal hatte er soetwas wie… Verbundenheit empfunden.
Er setzte sich, nahm die Decke auf und legte sie sich in die Schultern. Dann ließ er sich zur Seite fallen und blieb eine Weile liegen, unnötig darauf wartend, dass ihm wärmer werden würde. Aber er hatte keine eigene Körperwärme. Die Decke konnte nichts zurückwerfen. Trotzdem. Irgendwie war es so… heimeliger.

***

“So what is it?” Nathaniel ging ungeduldig auf und ab, sah immer wieder zu seinem Butler.
“A map, sir. A map of Ireland.”
“What?”
“Yes, sir. A horse shoe – and emerald.”
Endlich blieb er stehen und grinste. “God, I love her.”

***

Alles hier war staubig. Und verdammt heiß war es noch dazu. Wenigstens waren die Steine unter seinen Schuhen weiß, nicht schwarz. So warfen sie weniger Hitze zurück. Gregory reichte ihm den Hammer an.
“Thanks.”
Die Stelle war gut. Niemand würde das Stück Stein in diesem Steinbruch vermissen. Es war klein genug. Auch klein genug um nicht durch die Zollbehörden beanstandet zu werden.

***

“They taught you how to do this, sir?” Eigentlich war die Frage völlig überflüssig. Natürlich hatte man das seinem Herrn beigebracht. Und natürlich war dieser stolz darauf.
“Yes, they did.”, verkündete dieser mit eben jenem gebotenen Stolz.
“Why did you choose a falcon, sir?”
Nathaniel sah den älteren Mann an, als wäre die Antwort selbstverständlich. “Because he can do something I can not, Greg.”
Falken. Für gewöhnlich für ihre Augen bekannt. Zögerlich fragte er nach. “And what is that, sir?”
“Fly.”, grinste der jüngere zurück.

***

Zusammen saßen die drei Männer um das Feuer unter freiem Himmel.
“He says he found a name for you.”, erklärte der jüngere Ureinwohner und sah den Weißen an wie jemanden, dem eine unglaubliche Ehre zuteil wurde – die dieser nicht verstehen würde. Nachdem der jüngere gesprochen hatte, fuhr der ältere fort und wartete auf die Übersetzung seines Sohnes. “He says that your name is-”
“He who does it anyway.”, übersetzte der Gast ehrfürchtig.
Seine Gastgeber sahen ihn an. Der ältere nickte anerkennend und sprach erneut. Sein Sohn übersetzte. “He says that, by rights, you should not participate in the tests for men. He says that a man needs his eyes to see so that he may pass those tests. He says that you must know this. And he says you must be very courageous. Because you participate undaunted.”

***

Alles war schief gelaufen. Zu Pferd hatte er an der Jagd teilgenommen. Aber er hatte die Spur nicht finden können. Also hatte einer der anderen Männer das Spurenlesen übernommen. Und als sie endlich fündig geworden waren, hatte er sein Ziel natürlich verfehlt. Zu allem Überfluss hatte er auch nicht gewusst wie man das Messer richtig ansetzt.
Die meisten Männer hatten ihn ergo keines weiteren Blickes gewürdigt. So also sah es aus, das erste Mal unter wirklich Fremden. Nun saß er allein an einem kleinen Feuer das er nur deshalb in Gang gebracht hatte, weil Greg am Ende mit einem Feuerzeug nachgeholfen hatte.
Stumm stellte sich der Diener nun neben ihn und hielt ihm die Hand hin. “I was told to give this to you, sir.”, erklärte dieser mit ruhiger Stimme.
“What is this?” Missmutig murrend nahm er das kleine Objekt aus der Hand des Butlers. Eine Pfeilspitze.
“They told me to tell you that the true hunter must learn the ways of the hunt – but that the spirit for the hunt is a matter of the heart. A hunter will always keep trying, until he succeeds.”
Seine Hand umschloss die Pfeilspitze. Er hielt sie auch noch in der Hand als er am nächsten Morgen wieder aufwachte.

***

Einundzwanzig. Eine große Zahl für viele Leute. Ihm war das reichlich egal. Er legte keinen Wert auf die Zahl und fühlte sich jetzt auch nicht erwachsener als vor einer Woche. Oder auch nur gestern Abend. Und überhaupt. Er war sich recht sicher, dass er sich auch morgen nicht viel erwachsener fühlen würde.
“Nathaniel?” Seine Mutter. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Bitte, bitte keine dieser nervigen Unterhaltungen darüber was er sich denn dieses Jahr zu seinem Geburtstag wünschte. “Nathaniel, your uncle sent this for you.” Sie stellte eine kleine Juweliersschachtel vor ihm ab. “Open it.”
Wenigstens das war einfach. Sie hätte so oder so keine Ruhe gegeben. Und von Onkel Edward zu hören war immer gut. Ihn mochte er. Nicht zuletzt weil Edward ein hervorragender Reiter war. Das hatte sie schon immer verbunden. Also öffnete er die Schachtel und nahm das was darin war hervor: Eine Silberkette mit einem Anhänger… Ein Fuchszahn in Silber gefasst.
Seine Mutter lächelte ihn an. “Your uncle sent the fang for your birthday last year. He won the hunt that year. So I had it set in silver for you. Do you like it at all?”

***

Seit fünf Monaten hatte er sich jetzt den Kopf zerbrochen welche Gazellenart möglicherweise wirklich mit einem Pferd zu kreuzen wäre. Bisher ohne Erfolg. Und diese dämlichen Schulbücher gaben auch keine echten Antworten. Auch nicht die, die er von Greg aus der Universität hatte holen lassen. Verdammt!
Sechs oder sieben, das machte auch keinen Unterschied. Seinen Geburtstag hatte er wörtlich mit der Nase in Büchern verbracht. Fast zumindest, denn zum einen war es nicht seine Nase in den Büchern, sondern die von Greg, der fast alles vorlesen musste, weil ihm sein Auge noch zu weh tat. Und zum anderen hatte er den Mann dann und wann vor die Tür geschickt um seine neuste Theorie zu durchdenken und auf einem großen Blatt durchzurechnen. Ebenfalls ohne Erfolg.
Um so erstaunter war er, als auf seinem Kopfkissen am Abend eine Kette lag. Seine Eltern waren gar nicht da sondern auf irgendeiner wichtigen Einladung in London. Also musste sie von Greg kommen.
Zögerlich ging er an das Bett heran und nahm die Kette auf. Der Anhänger hatte es ihm sofort angetan: Ein silbernes Rund, in das man praktisch eine Art dreiblättriges Kleeblatt gestochen hatte – und dieses wiederum fasste den Kopf eines Einhorns ein. An den drei Enden der Blätter waren kleine Edelsteine eingefasst. Bei dem Licht konnte er nicht erkennen ob es Smaragd oder Saphir sein sollte.
Grinsend schloss er das Schmuckstück in die Hand und rannte aus dem Zimmer, direkt gegen Greg und schloss die Arme um ihn. “Thank you, Mr. Stevens, sir.”

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