Das wahre Phantom

Gekämpft hatte er wie ein Löwe.

Wie ein Löwe. Und unterlag. Das weiche, grüne Gras fing seinen Körper sanft auf. Nicht all zu weit konnte er Ellena liegen sehen. Ohnmächtig, wie er wußte. Der leichte Schlag auf den Hinterkopf hatte wohl kaum großen Schaden hinterlassen, sie allerdings sehr wohl kampfunfähig gemacht – und damit das Gleichgewicht deutlich zu Alejandros Ungunsten verschoben.

Sie hatten über die Jahre gelernt miteinander umzugehen. Hatten gelernt, daß Liebe im Leben nicht alles war. Daß man einander schätzen konnte, ohne das Herz zu geben. Sogar auf eine andere Art lieben. Sein Herz hatte sie nie gehabt. Aber er wäre ohne zu zögern jeden Augenblick seines Lebens für sie gestorben. Ihre Nähe tat ihm gut. Und dann und wann glaubte er sogar dies beruhe auf Gegenseitigkeit.

Er hatte gekämpft wie ein Löwe. Aber auch der Fürst der Stadt der Geister war nur ein Mann. Vielleicht gerade er. Die Klingen trafen zwar, hielten ihn aber ebenso wenig wie sie einen Geist gebremst hätten. Solange zumindest, bis er sicher sein konnte, daß es für Ellena keine Gefahr mehr gab. Bis die Fremden ihren Schutz in den Wäldern suchten.

Für einen Moment fielen ihm die Augen zu. Er dachte an Ardeyn. Den alten Ardeyn. Vor ein paar Jahren hatte ihn das Alter eingeholt. Er hatte gebeten sich zurückziehen zu dürfen. Nur wenige Monate hatte er es ohne seine Klingen ausgehalten und war seiner Frau auf die andere Seite gefolgt. Ein sterbender Schwan. Alejandro erinnerte sich den Valar und dem Feuer gedankt zu haben, als Ardeyn endlich gehen durfte.

Und er dachte an Alrich. Der Mann war immernoch am Leben. Länger als Ardeyn. Die anderen hatten längst damit begonnen kaum mehr in ihm zu sehen als einen zu praxisbezogenen Sekretär zu sehen. Aber er wußte den Kindern so manche spannende Geschichte zu erzählen. Aus längst vergangenen Tagen. Abends am Feuer. Damals, als es noch Helden gab. Er erzählte von einer fernen Stadt, einem großen Traum. Und davon, wie er in Erfüllung ging. Und die Kinder lachten, kicherten, glucksten. Konnten sich nicht vorstellen, wie ein leben in dieser vorigen, dunklen Zeit gewesen sein mußte. Sogar jetzt brachte ihn der Gedanke an den alten Mann am Feuer innerlich zum lächeln. Armer Alrich. Aber er würde gut auf sie achten. Auf sie alle. Nur noch ein Jahr. Zwei vielleicht. Dann wäre Er alt genug.

Sacht auf seiner Haut glaube Alejandro eine Feder zu spüren. Doch als er die Augen wieder auf tat, gab es niemanden, der sie hätte halten können. Nicht diese Feder. Auch wenn ihn dieses Gefühl unweigerlich ruhig werden ließ. Sicherlich würde sie warten. Drüben.

Aus dem Nebel, welcher ihm langsam vor die Augen fiel, schälte sich eine hochgewachsene Gestalt. Silberweißes Haar. Ein schmales Gesicht, dessen Züge zwar ungerührt waren, dessen Augen jedoch allen Trost Mittelerdes zu spenden vermochten, auch wenn Alejandro keinen Namen zu diesem Gesicht kannte. Er hatten den Mann – den… Elb – noch nie gesehen.

“Sie Warten auf euch, Erster unter den Geistern. Geht zu ihnen…”

Es war unnötig zu wissen, wie die Bilder endeten. Es gab nur einen Weg, das wußte er. Und er wußte jetzt ein paar Schritt des anderen Weges. Den nach vorne. Als Alejandro erwachte, waren seine Augen weit offen. Und er sah. Und lächelte.

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