Die Nacht war lange schon hereingebrochen. Aber Schlaf fand Alejandro keinen. Er lag seitlich, gestützt auf seinen rechten Ellbogen und sah neben sich auf eine Rose, die auf einem ansonsten schmerzlich leeren Kopfkissen lag. Er starrte nun schon eine ganze Weile so neben sich, überdachte alles, was heute geschehen war. Dachte an sie. Und dachte lange Jahre zurück.
“Nochmal, Alejandro!” Alejandro schüttelte ungeduldig den Kopf. “Du kannst nicht den ganzen Tag auf dem Pferd sitzen, Zwerg. Der Arme muß auch mal durchschnaufen können.” Dennoch trat er schmunzelnd an besagtes Pferd – ein Schimmel seines Vaters, prächtiges Tier – und hob den jüngeren Bruder von dessen Rücken, ihn dann sanft auf dem Boden absetzend. Der Junge, kaum sieben Sommer, sah mit großen leuchtenden Augen zu ihm auf.
Unweigerlich mußte er wieder lächeln. “Komm. Die Sonne ist fast untergegangen. Ich schulde dir noch eine Geschichte.” “Genau! Ehrenschuld, hast du gesagt!”, stimmte der Kleine zu. Er nahm ihn bei der Hand und sie gingen gemeinsam zurück zu den nahegelegenen Häusern, während sich ein Stalljunge des Vaters um den Schimmel kümmerte.
“Könnt ihr mich lieben, auch wenn uns so viel entzweite? Ihn und mich.” Seine Hand reichte nach der Blume auf dem Bett. Genaugenommen eher darüber, schwebte in der Luft. Er erinnerte sich noch sehr genau wie weit exakt die Schulter vom Kissen weg war – wo sie jetzt liegen würde. Und genau an dieser Stelle ruhte nun die Hand, mitten im Nichts. “Könnt ihr das, mein Herz?”
“Schafft ihn weg, habe ich gesagt!” Die Worte des Vaters hallten hart und kalt durch die große Halle. Vor keinen zwei Wochen hatte man hier noch Alejandros 16. Geburtstag gefeiert. Und noch heute morgen seine Mutter beerdigt. Und nun hatte sein Vater einen kleinen weinenden Jungen vor sich knien, welcher nur bettelte nicht weggeschickt zu werden. “Aber Vater -” Der Blick desselben ließ Alejandro verstummen. Aber nicht zuletzt der von Ardeyn, welcher direkt neben ihm stand und mit kühlem Blick den Bastard musterte. “Ihr wißt, was zu tun ist, sollte man den Bengel hier nochmal finden, Falkenauge. Ich erwarte, daß ihr ihn behandelt wie jeden anderen Taugenichts auch.” Ein Nicken. Und damit war die Sache auch schon erledigt.
Die Hand fuhr langsam durch die Luft, strich über einen Arm, der nicht dort lag. “Könnt ihr einen Mann lieben, der nicht eingriff? Der nichts tat. Nur zusah.”
Zwei Wachen hatten Atherton gepackt, zogen ihn an den Armen vor Alejandro. Er warf ihnen den gleichen vielsagenden Blick zu, den sie in den letzten Monaten schon so oft erhalten hatten. Sie würden schweigen. Bare Münze sorgte dafür. “Warum tust du das immer, hm?” Aber der Jüngere sah ihn nur trotzig an. Und zum ersten Mal sah Alejandro Eifersucht in den Augen eines anderen Menschen. Es erinnerte ihn an etwas, das er schonmal wahrgenommen hatte. Irgendetwas an seiner Mutter. Seltsam. “Ich will nur Vater sehen!” Und genau das war lange nicht mehr möglich.
Die Hand verharrte. Hier wäre die die ihre. Hier könnte er sie halten, wäre sie hier. Leise murmelte Alejandro an ein Ohr, das zu weit weg war ihn zu hören. “Ich wollte ihn doch nur vor seinem Zorn schützen…”
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